Internationales Literaturfestival
Erich Fried Tage

6. bis 11. 10. 2015

Literaturhaus Wien

 

 



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Schön, Sie hier begrüßen zu dürfen. Und Sie mitzunehmen. Für alle, die dieses Jahr nicht dabei sind, sein können oder sein konnten, gibt es hier – wenn Sie dies z.B. im April lesen – und nur für Sie: delayed gratification (hoffentlich) in Ausschnitten: Streulichter, Assoziationen zu und Eindrücke von einem Lieblings-Literaturfestival. Mit großartigem Line-up. Wer es nicht kennt: Das Internationale Literaturfestival Erich Fried Tage ist eine Art biennaler Countdown und zugleich der Hauptact vor dem Hauptact: die Verleihung des Erich Fried Preises, mit dem dieses Jahr Dorothee Elmiger ausgezeichnet wird.

 

Sonntag 11.10. :: was außerhalb des Bibliothekraums

Lieber Reto Hänny, liebe Dorothee Elmiger: Wie umwerfend, beeindruckend, wie sprachlos machend Worte sein können: eure. Sans mots. Mit Worten zu sagen, was mit Worten nicht zu sagen ist. Vielen, vielen Dank dafür. Und, dass ihr seid. Alors, aus ganzem Herzen: Großgratuliere, lieber Reto Hänny, zur Auswahl der Erich Fried Preisträgerin 2015 und an die Preisträgerin: Liebe Dorothee, allerallerherzlichste Gratulation zu Deinem Sehen und Schreiben und Teilen und aus aktuellem Anlass - zum Erich Fried Preis 2015! Wie schönst mit dir, mit euch, zeitverbunden - und in diesem Fahrgeschäft gefahren/ gereist - zu sein.

 

 

Donnerstag 10.10. :: von gut & böse & zwischen

»S.g. Damen und Herren, bitte begrüßen Sie mit mir Phil Klay… bitte begrüßen Sie mit mir Florian Höllerer… und Alexandra Jantschak-Thanhuber, die heute übersetzen wird.« Phil Klay – Anne Zauner spricht [klai] genau richtig aus – ist Kriegsveteran, ehemaliger US-Marine und Autor, geboren 1983. Durch eine Wärmebildkamera sieht ein junger Soldat dem Feind beim Sterben zu, beobachtet, wie die Wärme aus dem Körper weicht, »wie der helle Fleck langsam in der Umgebungstemperatur« verschwindet. Erst wenn Weiß in Schwarz übergeht, kann er »den Kill offiziell melden«. In seinem packenden Debutband Redeployment (wörtlich übersetzt: Truppenverlegung, in der deutschen Übersetzung »Wir erschossen auch Hunde« erschienen dieses Jahr bei suhrkamp) beschreibt Phil Klay in zwölf fiktiven Geschichten vor allem aus US-amerikanischer SIcht die Schrecken und Höllen des Irak-Einsatzes, Afghanistan und Vietnam kommen auch vor. In jeder Geschichte wechselt die Erzählperspektive, steht ein neues Leben im Mittelpunkt und jedes Mal legt sich der Krieg über die Protagonisten, verfolgt sie in den Frieden. Basierend auf Interviews mit Soldaten zeichnet Klay in nüchternen Aufnahmen die verschwommenen Grenzen zwischen Krieg, Frieden, Leben, Tod. Nein, vielmehr: Er belegt, dass es diese Grenzen nicht gibt, dass alles mit allem zusammenhängt: und wir. Dass der Krieg längst überall ist und immer war. Auch wenn »zu Hause« wenig davon zu spüren ist. Und Klay wird zum Sprachrohr seiner Protagonisten, lässt keine Flucht in die Verdrängung zu und wenn, zeigt er diese auf, so dass das Entkommen erst recht nicht gelingt, infiltriert das Literaturhaus Wien mit persönlichen Reporten von Soldaten, Helfern, Informanten des „Realen“, macht sie zu Berichterstattern dieser exportierten Kriege und uns zu Zeug/inn/en, die nicht auskommen: Klay liest und lotst uns an die Front. »Mit seinen Erzählungen über den Krieg im Irak, gelingt es Phil Klay, einen magischen Punkt zu berühren, und zwar wenn sich die intellektuelle Position mit emotionaler Wucht zu einer perfekten Balance verbindet und ein Moment von Wahrhaftigkeit entsteht«, sagt Anne Zauner. Als Public Affairs Officer der US-Marine nahm er nicht an Kampfhandlungen teil, machte administrative Arbeit, war in beratender Funktion tätig, als Teil des Apparates. Von Januar 2007 bis Februar 2008 war er in der irakischen Provinz Al-Anbar, arbeitete vor allem mit Journalist/inn/en, reiste viel, sah viel und begann, als er zurückkehrte, Redeployment zu schreiben, das 2014 in der Kategorie mit dem National Book Award, einem der wichtigsten Literaturpreise und mit dem 2015 W. Y. Boyd Literary Award for Excellence in Military Fiction ausgezeichnet wurde. Schreiben sei für ihn ein Weg, alles durchzudenken. Klay rührt an Tabus, zuhört nicht wertet, indem er offen bleibt und beschreibt. »Zu Beginn war das Schreiben eine Reaktion darauf, nach Hause gekommen und damit konfrontiert zu sein, okay was war da jetzt los? Und was ist das für ein Land, in das ich zurückgekommen bin«, sagt Phil Klay. »Man hat eine besondere Verantwortung, wenn man über den Krieg schreibt. Es gibt so viele Geschichten und Klischees über den Krieg, wie der Krieg macht dich zum Mann, der Krieg ist die Hölle, der Krieg ist eine Arena, um Heldentum vorzuführen. Und diese Geschichten über den Krieg sind nicht einfach nur Geschichten, sie prägen die Art, wie wir als Bürger Entscheidungen treffen.« Für sein Buch reflektierte Klay nicht nur eigene Erlebnisse, sondern betrieb einen »enormen Rechercheaufwand«. Für Redeployment reflektiert er nicht nur eigene Erlebnisse, sondern betrieb, wie er sagt, einen »enormen Rechercheaufwand«: Er führte Interviews mit Veteranen, las Bücher, sah Filme über Krieg, sprach mit Journalisten über Krieg und darüber, wie man über Krieg schreibt., darunter Der Soldat Schwejk, Augustinus‘ Lehre vom gerechten Krieg, Tolstoj, Hemingway, Robert Bressons Verfilmung von Diary of a Country Priest. Es gehe darin viel um Sühne und Erlösung, um Leid, darum, wie Menschen sich behandeln, einander ausgrenzen, um Gnade. Das sei eine andere Art der Recherche. Und eine sehr wichtige. Es sei ihm wichtig gewesen, den Menschen gerecht werden. »Sie mussten Entscheidungen treffen, und lernen, mit ihnen zu leben.« Er habe den Druck gefühlt, »so rigoros und ehrlich wie möglich« zu sein. Und darüber zu schreiben, »worüber man spricht und worüber nicht, was man nicht mitteilt, weil es keine geeignete Sprache dafür gibt.« Es gehe sehr stark darum, welche Rolle wir spielen in dieser Kultur der Kriegserzählungen, welche eigenen Ideen wir über Krieg haben, wie wir uns das Ganze erklären, was war und was ich damit tun soll. »Manche entscheiden sich dafür, den Mythos auszuleben und andere entscheiden sich, gar nicht zu sprechen, weil sie nicht wissen, wie. Sie fühlen sich weder als heroische Krieger noch als traumatisierte Opfer, das sind die beiden Pole des Mythos, die wir kennen, mit denen wir umgehen können.« Er habe den Druck gefühlt, »so rigoros und ehrlich wie möglich« zu sein. Ein weiteres Unbehagen bleibt, da ist niemand, der einem eine Anleitung gibt, was wahr, was falsch, was gut, was richtig ist. Einzig die Soldaten kommen zu Wort. Die bloße unkommentierte Wiedergabe ihre Sprachhandlungen ist bisweilen unerträglich, ein leises Aufstöhnen zwei Reihen vor mir, einer steht auf und geht. Da ist der Schock über das Geschehen, über die Gewalt, die Brutalität, die Gefühlskälte, da ist Bewunderung für den Autor. Es bleibt ein großes Gefühl von Unbehagen, Unwohlsein. Das Gefühl, oder mehr eine Ahnung, manipuliert worden zu sein und zugleich die Augen geöffnet bekommen zu haben. Ein Ausgleich fehlt: die Perspektive der anderen. Und das Wissen, dass das nicht klappen würde. Dass es hier darum nicht geht. Nicht gehen kann. Ich frage mich, was der Neuwert des Buches ist. Da ist niemand, der sich wehren könnte, niemand, der sich verteidigen, niemand der sich für die gegnerische Seite einsetzt, einsetzen könnte. Oder auch bloß für den Frieden. Sprache kreiert soziale Realität. Die Worte, die Erzählungen, wie man über seine Gegner/innen spricht. Was man mit ihren Körpern geschehen lässt, auch nach ihrem Tod. Redeployment regt zum Nachdenken an. Doch es ist kein Buch gegen den Krieg allgemein. Klay geht es nicht um Rohstoffsicherung oder um amerikanische, deutsche, britische, russische etc. Interessen. Es geht ihm um den Einzelnen, um einzelne Geschichten, aus zwölf (US-amerikanischen) Perspektiven. Nicht darum, die anderen, den Anderen zu verstehen. Oder Krieg an sich zu hinterfragen. Oder auch mal die eigene Sicht zu verstehen. Klay gibt keine Antworten. Nicht auf einer moralischen Ebene. Gut, es gibt kein gut und es gibt kein böse: und Klay lässt uns unseren Blick draufhalten. Wer erst einmal in die Köpfe seiner Protagonisten gesehen hat, erlaubt sich keine einfachen moralischen Urteile mehr. Und das macht es auch nicht einfacher. Klay macht – auch im Gespräch – deutlich, dass für ihn Krieg manchmal notwendig sei, aber dass man eben sehr genau darüber nachdenken muss, wann. Florian Höllerer bringt Richard Ford ins Gespräch, Let me be frank with you (2014), dessen Aufbau, eine Ringstruktur. Richard Ford sei ein großes Vorbild, sagt Klay, es sei faszinierend, wie er Charaktere entwickele. Die Struktur sei ihm sehr wichtig gewesen, die Narration. »Ich wollte nicht die Tradition üblicher Kriegsliteratur weiterschreiben, den amerikanischen Mythos des Veteranen, der nach Hause kommt und den Menschen zu Hause, die sich nicht auskennen, erklärt was Krieg ist. Ich wollte zwölf Menschen haben, die erzählen, was Krieg ist, die verschiedene Sichtweisen haben, die vielleicht nicht übereinstimmen, ich dachte, das würde den Lesern einen anderen Raum öffnen, ein besseres Verständnis über diesen Krieg ermöglichen.« Es gebe Parallelen zu Richard Fords Arbeit, die er sehr bewundere. Dessen A Multitude of Sins (2002) stand Pate: »A story collection, where the stories were not linked, but it was a incredibly cohesive, the whole was much greater than the sum of its parts.«. Das letzte Kapitel des Buches sei auch eines der ersten gewesen, das er relativ zu Beginn geschrieben habe. Wie es zu dem Entschluss gekommen sei, in den Krieg zu ziehen, fragt Florian Höllerer. Sein Großvater sei Diplomat gewesen, sagt Klay und, dass er schon früh wusste, dass er selbst auch seinem Land dienen wollte, dass es sich richtig angefühlt hätte. Phil Klay nimmt uns mit an die Front, in den Irak, nach Afghanistan, verlangt von uns nicht weniger, als uns auf die Perspektiven von US-amerikanischen Soldaten einzulassen, jenen zuzuhören, die dort waren, uns in Ausschnitten, darauf einzulassen, was dort geschah und später darauf, was es mitunter heißt, heimzukehren. Die kurzen Ausschnitte – von Klay brilliant gelesen – entwickeln einen Sog, dem man sich kaum entziehen kann. Und Florian Höllerer vom Literarischen Colloquium Berlin meint zu Recht, dass an Klay nicht nur ein Diplomat, sondern auch ein Schauspieler verloren gegangen sei. Klay und Höllerer schenken uns das, was man von einem wirklich guten Gespräch erwarten kann: Sie werfen große Fragen auf. Was bleibt, ist eine Gefühl der Anerkennung dafür, dass Klay diese eine Seite schonungslos, vielschichtig und wahrhaftig dokumentiert hat. Redeployment zwingt uns, bei uns zu bleiben, den Krieg in uns auszufechten. Nicht zu urteilen. Das wechselseitige, kollektive Kolonisieren zu beenden. (Kolonisieren als der Versuch, über den anderen zu bestimmen.) Nicht mehr und nicht weniger, und das ist unglaublich groß. So zu schreiben, all dies zu schreiben. So über Krieg zu schreiben. Dazwischen bleibt ein weites, leeres Feld. Wo beginnt die Verantwortung für einen Tod? Wo hört sie auf? Wer ist der Mörder? Der, der die Kanone lädt? Der, der sie feuert? Die Arbeiter/innen in den Fabriken, die die Munition herstellen? Die Steuerzahler/innen? »Across a dozen stories told in first-person, Redeployment is at its heart a meditation on war — and the responsibility that everyone, especially the average citizen, bears for it.« National Public Radio. Chapeau und danke dafür, Phil Klay. »Was mir an den Erich Fried Tagen gefällt«, schnappe ich auf dem Weg ins Foyer auf, »ist, dass sie einen anregen, selbst zu denken, selbst zu werten und die eigene Wertung zu überdenken.« – »Ja, selber denken spart Zeit.« Es war ein langer Tag.

ps. Übrigens: In den Kriegsgebieten in Syrien und im Irak sind auch österreichische Waffen im Einsatz, nicht bloß Nachbauten von Steyr-Waffen, sondern Originalwaffen der Steyr Mannlicher GmbH aus österreichischer Produktion. Sowohl auf Seiten vergleichsweise gemäßigter Rebellengruppen, die gegen den syrischen Diktator Assad kämpfen, wie auch auf Seiten der Terrormiliz »Islamischer Staat«.

pps. »I read so many books, there‘s brilliant non-fiction written about the Iraq war. And there‘s terrible non-fiction about the Iraq war. And when it‘s good, it‘s not good, because they verified all their facts well. And when it‘s bad, it‘s not bad because the events, that they are talking about didn‘t occur. When it‘s bad, it‘s bad, because the perspective and the emotional content and the ideas about war, that they are trying to talk about in relationship to the facts, those are all wrong. And with fiction you don‘t have to worry about exactly what happened. It is given that these people didn‘t exist. So the only obligation you have, is to that emotional and moral truth. And you can manipulate, you manipulate the events of the story and you take from reality anything that allows you to put that truth, that you think you know, under more pressure until it transforms into something more interesting, until your ideas of the world change as you are writing the story. In that regard, fiction offers you tools that you can‘t get otherwise.« Klays Figuren setzen eher Fragezeichen, als ihre Missionen zu verteidigen. Zumindest nicht auf dieser Ebene. Und das macht es aus mitteleuropäischer Sicht für manche schwer, gerade aus österreichischer Perspektive – vermeintlich neutraler Position – Krieg zu rechtfertigen. Um das geht es ihm nicht in dem Buch. Ich bin kein Pazifist, sagt Klay. Manchmal gehe es nicht anders.

Jedes Erleben ist an Sprache gebunden. Nichts prägt die Wirklichkeit so sehr, wie die Sprache, die man wählt, um sie zu beschreiben. Fiktion. Die Wirklichkeit konstruieren. Der generative Aspekt. Sprache kreiert soziale Realität. Die Worte, die Erzählungen, wie man über seine Gegner/innen spricht. Was man mit ihren Körpern geschehen lässt, auch nach ihrem Tod. Klay lässt seinen Leser/innen die Freiheit, zu deuten. Hinter Krieg steht Sprache. Hinter all dem steht Macht. Die Konstruktion von Krieg ist eine riesige Blase, die Menschen zu allem fähig macht. Sie gibt enorme Macht. Klay lässt uns zuhören. Seine Geschichten betrachten den Krieg vor allem aus der Perspektive von Marines und anderen Amerikaner*innen. Doch die Figur des sunnitischen Dolmetschers bietet auch einen Perspektivwechsel auf die irakische Seite. Alle nennen ihn »Professor«, denn dies war sein Job, wie er einem Amerikaner erklärt, »bevor ihr kamt und dieses Land zerstörtet«. Man kann auch nur gut aus seiner Perspektive schreiben. Es wäre toll, würde, gäbe es einen Preis für das irakische Gegenstück. Zudem erzählt in Gebet im Feuerofen ein Pfarrer bei der Sonntagsmesse den Marines von einem Iraker aus Ramadi, der die Amerikaner verantwortlich macht für seine Angst, »grundlos getötet zu werden«. Und für den Tag, als »eine Gruppe Amerikaner seine Tür eintrat, seine Frau an den Haaren nach draußen schleifte, und ihn in seinem eigenen Wohnzimmer verprügelte«. Krieg, das bedeutet hier oft Angst vor dem Tod, aber auch das gelegentliche Erschrecken über sich selbst. Etwa in den Momenten, in denen Figuren bewusst wird, wie anonym das Töten vor sich geht. Da schlägt ein Geschoss zehn Kilometer südlich ein und hinterlässt eine Kraterlandschaft. Der Soldat stellt sich die Ruinen und verrenkten Leichen vor, zu Gesicht aber bekommt er sie nicht. Nach dem Krieg sitzen die Marines frisch geduscht im Flieger nach Amerika. Ein Erzähler beobachtet, wie die gelandeten Männer die Eltern umarmen, die Frauen küssen, die Kinder auf den Arm nehmen: »Ich fragte mich, was sie ihnen sagen würden. Wie viel erzählt werden würde und wie viel für immer unerzählt bleiben würde.« Später wird es Selbstmorde geben. Und einen Marine, der unter Kokaineinfluss mit dem Sturmgewehr einen Nachtclub beschießt. Manchmal habe ihn das Schreiben dieser Geschichten traurig gemacht und manchmal wütend, sagt Klay. »Es hat verändert, wie ich über den Krieg denke.« Aber auch auf Nachfrage fällt es ihm schwer, diesen Wandel in Worte zu fassen. Schließlich sagt er: »Was ich über den Krieg denke, ist dieses Buch.«

 

Samstag 10.10 :: manchmal passiert auch gar nichts

BREAKING (THE)

news: so brachen wir in tränen
da brachen uns die tränen aus

im westen nichts neues: das
lachen faltet an manchen stellen

drohnen dröhnen das handbuch
für den neustart der welt

 

BREAKING (THE)

news: so we broke out in tears
and the tears burst into us

all quiet on the western front
laughter wrinkles some body parts

drones drone the manual
of the reboot of the world

 

Translated by Judith Nika Pfeifer and Eugene Tarshis.
In: Judith Nika Pfeifer, manchmal passiert auch minutenlang gar nichts (sometimes nothing happens, really), Wien/Horn: Berger, 2015.

 

Freitag 9.10. :: Herbert J. Wimmer

(kleine Aufmerksamkeit zwischendurch)

 

2740.

redaktionskonferenz

die realität der fiktion
geht über in
die fiktion der realität
die übergeht
ins übergehen
der fiktionen der realitäten
der realitäten der fiktionen
faktisch

Herbert J. Wimmer, 09.10.2015

 

Donnerstag 8.10. »making comics is a hassle and i might just not ever do it again«, Paula Bulling

Mit der großartigen Illustratorin und Comiczeichnerin Paula Bulling wirft facts & fiction ein Spotlight auf das Comic als Kunst, bringt Literatur in anderer Erzählform auf die Literaturhausbühne. Als Graphic Novel, die nicht nur auf ein literates Publikum abzielt und heikle, unterschlagene, gegenwärtige Themen breitenwirksam behandelt. Thomas Ballhausen begrüßt Paula Bulling: »Ihre Arbeit führt vor, was Comic kann. Sie stellt Fragen, nach dem, was wir fragen müssen dürfen.« Kritik habe mehr zu sein als schlichte Verweigerung, eine Reflexion der gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen sie entsteht, ohne vereinnahmt zu werden. In ihrer Graphic Novel »Im Land der Frühaufsteher« zeichnet Paula Bulling den Alltag in Flüchtlingsheimen auf / nach, dokumentiert ihre Erfahrungen aus ausführlichen Gesprächen mit Asylsuchenden in Sachsen-Anhalt, wo sie fünf Jahre lang lebte und an der Hochschule für Kunst und Design studierte, zeichnet sich hinein (weil sie drin ist), thematisiert dabei immer wieder die Problematik ihres privilegierten weißen Blicks. Für uns alle, (weil) die wir alle drin sind. Es ist eine Detailstudie dessen, was sich in unmittelbarer Nähe abspielt. »Es war immer klar, ich bin eine weiße Frau, die in diese Orte reinkommt. Als das Buch erschien, wollten einige Zeitungen Interviews mit mir machen, erzählen sie uns doch mehr über ihre Erfahrungen und so. Das war eine ambivalente Sache«, sagt Bulling, sie habe geantwortet, »ja, fragen sie doch jemanden, der dort lebt.« Auf ihrem Laptop klebt ein Sticker »I [Herz] Kotti«, Bulling lebt nun wieder in ihrer Geburtsstadt Berlin. Sie klickt uns durch ihr Buch, präsentiert einen Querschnitt ihrer Arbeit. Sie sagt, Fotografien seien stärker vernutzt als zeichnerische Formate hätten den Vorteil – gerade zum Beispiel was Themen wie Flüchtlingspolitik betreffe – direkt mit Menschen zu arbeiten und deren Bilder nach außen zu bringen. Sie habe nicht recherchiert: »Ich war einfach dort«. Im Sommer 2008 bei einer Veranstaltung syrischer Menschenrechtsaktivist*innen, »die die eigentlich über die Situation in Syrien sprechen wollten und im Laufe der Veranstaltung begannen, über ihre Situation im Flüchtlingsheim zu reden.« Eine Begehung des Heims wurde organisiert, danach gab es eine kleine Demonstration und dann kam die Polizei und erließ ein Hausverbot, es gab Anzeigen wegen Hausfriedensbruch. »Und dann war ich entflammt, weil das so krass war.« Paula Bulling beginnt, mit ihrem Skizzenbuch den Flüchtlingskosmos in Halle und Umgebung zu erforschen. Sie trifft Asylsuchende, die in Heimen in Halberstadt, Möhlau, Bernburg oder in Thüringen in Karlshütte leben, macht Fotos, portraitiert Menschen, zeichnet kleine Szenen, Sperranlagen, Spinde, Flure, lässt die Menschen selbst zu Wort kommen, und die vielen unkommentierten Zeichnungen im Buch für sich sprechen. Sie erzählt, wie schwierig es war, aus den Tonaufnahmen, Fotos und Zeichnungen, den Textfragmenten aus ihrer Erinnerung ein Buch zu machen. »Die Zwischentöne fehlten. Die Klänge waren andere, es klang manchmal falsch«. Sie findet eine Lösung. »Ich hatte eben einen Text geschrieben, so wie ich mich erinnert habe, wie die Leute gesprochen haben.« Und bittet Noel Kaboré, einem afrikanischen Flüchtling, den Bulling während ihrer Recherchen kennenlernte, und »der überall dabei ist«, ob er an den Stellen, wo er das Gefühl hat, das sei nicht authentisch, Worte zu finden, die er benutzen würde. Die Texte im Kapitel über das Heim in Halberstadt sind von Noel. »Noel ist die Figur, die uns das Heim zeigt. Und dann hat sich das immer so weiter entwickelt. Dass er dann auch Inhalte von sich reingebracht hat. Und ich fand den Text total stark. Der war viel, viel stärker als meiner. Ich hätte sich nie getraut, ich wusste auch nicht, dass sie selber dieses Wort Asylant benutzen, um sich lustig zu machen oder um irgendwas etwas zu bezeichnen, was nicht funktioniert oder was irgendwie blöd klingt. Dadurch wurde das Buch viel klarer politischer, weil es klarer war, sie haben auch Jokes eingebaut.« Paula Bulling zeigt uns eine großformatige Zeichnung eines Heimzimmers. »Hier kuckt sich Arwa diesen Fernseher an, die Fatma in dem Buch. Ganz am Anfang. Die kommt rein und sagt: Was is los mit dein Asylantenfernseher. Das fand ich so geil, diese kleinen Witze, die so am Rand sind. Dadurch wurde das Buch wahrhaftiger und schöner.« Auf den letzten Seiten begegnen wir Kristina und ihren Kindern, kurdische Flüchtlinge und Kristinas Mann Azad, der im Juli 2009 an schweren Verbrennungen starb. Ein Imbissladen explodierte. Es ist der Tod eines kurdischen Flüchtlings aus dem Irak, umgekommen bei einem Brand, der nie aufgeklärt wurde. Die Ermittlungen wurden noch im selben Jahr ohne Ergebnis eingestellt. Und Paula Bulling fragt, wie so etwas passieren kann, dass es von niemandem eine Agenda gibt, sich darum zu kümmern, herauszufinden, was damals passierte. »die taz war die einzige Zeitung, die darüber berichtete. Es gab Spekulationen über einen Streit zwischen Kurden und Türken. Die Leute im Heim hatten total Angst vor rechter Gewalt.« Paula sagt, sie wollte kein Buch darüber machen, »wie traurig mich das alles macht, sondern, wie es dort aussieht.«
In einer weiteren Arbeit thematisiert Paula Bulling eine spezielle NS-Opfergruppe, geht der Frage nach, ob es in nationalsozialistischen Konzentrationslagern arabische und muslimische Häftlinge gegeben habe. Sie forscht in Archiven, stößt auf die Recherche-Arbeiten von Gerhard Höpp und im Zentrum Moderner Orient in Berlin auf die Erinnerungen eines französischen Überlebenden des Lagers Neustrassfurt, der sich an den Tod eines algerischen Mithäftlings erinnert. »Ich suchte weiter nach ihm, stellte Vermutungen an, über die Umstände nicht nur seines Todes, sondern seines Lebens.« Es habe mehrere 100 Libanesen, Algerier, Ägypter frankophonen Ländern gegeben, jedoch keine einzige Aufzeichnung, viele von ihnen hätten überlebt, sich aber nie darüber geäußert. In einem Verzeichnis der Fondation pour la Mémoire de la Shoah in Paris stößt sie auf die Todesmeldung eines Häftlings in Neustrassfurt, einem Außenlager von Buchenwald. Vom Konzentrationslager selbst gibt es vor Ort keine Spuren mehr, es gibt keine Fotos, auf die sie zurückgreifen könnte. »Das einzige, was greifbar ist, ist das, was die NS-Bürokratie selbst produziert hat.« Von den Überlebenden leben noch sechs, einer von ihnen kann sich erinnern, er sieht Mohammed noch vor sich, jedoch sei er nur mehr ein Schatten. Paula Bulling geht akribisch vor, recherchiert das Dorf, aus dem Mohammed kommt, landet in vielen Sackgassen, geht Spuren in kommunalen Bibliotheken nach, findet heraus, dass er aus dem nordfranzösischen Industriestädtchen Compiègne stammt und als politischer Gefangener nach Buchenwald kam. Die Résistance-Gruppe Liberation Nord ist ein Knotenpunkt, Paula Bulling stößt über eine Tonaufnahme aus den 1990er Jahren auf einen tunesischen Arzt eines französisch-muslimischen Krankenhauses, füllt die Lücken, die sich nicht rekonstruieren lassen mit fiktiven, utopischen Elementen, rettet ein jüdisches Kind, führt vor, »wie sehr man sich von einem kleinen Stück Papier entfernen kann.«

 

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Es geht weiter: Thomas Ballhausen, Mitglied des Erich Fried-Programm-Komitees, Autor, Literatur- und Filmwissenschaftler lenkt unsere Aufmerksamkeit auf andere Erzählformen, gestern noch Comic heute Film und stellt uns mit Hope Tucker (USA) und Judith Zdesar (A) zwei absolut großartige (!) Filmemacherinnen vor, deren Arbeiten als literarisch fundierte spannungsreiche Verbindungen von facts & fiction lesbar sind. Judith Zdesar macht den Anfang: 2007 hatte sie für ihren Kurzdokumentarfilm Bilder aus dem Tagebuch eines Wartenden den Diagonale-Preis für den besten Kurzdokumentar- und Kurzspielfilm bekommen. Farben einer langen Nacht folgte2011, danach Vakuum (2013) und Die andere Seite (2014). Judith Zdesar studierte zunächst vergleichende Literaturwissenschaftlerin anschließend Buch, Dramaturgie und Regie bei Michael Haneke an der Filmakademie Wien, an der HFF Potsdam und an der Université Stendhal in Grenoble (Klasse Künstlerischer Dokumentarfilm). 2010 erhielt sie den Förderungspreis des Landes Kärnten in der Sparte Film und Elektronische Medien. So eine Open lecture sei ja eine Art Werkstattgespräch und immer auch eine Selbstentblößung, sagt Zdesar, sie werde versuchen, uns einen kurzen Einblick in ihre Filme zu geben. Jeder Film sei eine Reise, und, sie habe ihre 20er Jahre mit vor allem auf Reisen verbracht: Sie sei auf der Suche gewesen nach Abenteuern, von denen sie verzweifelt gehofft hatte, sie zu finden. Im Winter in Grönland fand sie erstmals die Bilder, die dem entsprachen, wie es ihr ging. Sie war fasziniert von der Kälte, der Leere, den Stürmen, dem Norden im Winter. Hingeführt habe sie die Vorstellung wie Grönland sein könnte im Winter in der Nacht. Zdesar klickt uns durch einen Querschnitt ihres filmischen Schaffens. Sie habe vier Filme mitgebracht, in jedem habe sie für sich eine eigene Erzählform gefunden.  »Es geht mir immer darum, warum ich twas wie erzähle.« Die Filme, das waren immer große Stationen. Am Anfang jeder Reise stehe ein Gefühl. Zuerst sei da ein diffuses Gefühl, wenn der Film dann im Schnittraum und auf der Leinwand sei, würde ihr erst klar was das ist. »Ich spüre das und die Bilder entsprechen dem Gefühl.« Eine Station, die sie vorführt: Einsamkeit. Ort: Grenze Assistenzeinsatz an der burgenländischen Grenze. »Meine Filme spielen fast alle in der Nacht«” Bilder aus dem Tagebuch eines Wartenden zeigt junge Männer an der Grenze. Alleine 12 Stunden warten. Warten, ob etwas passiert. Es gebe an der Grenze gehäuft Suizide, sagt Zdesar. Einer sagt: »Du musst immer dazusagen, das beruht aus einer wahren Begebenheit … Der andere ergänzt : »Du musst dazusagen, des is Burgenland project… Wir müssen schauen, ob eh kein Auto kommt, also links und rechts.« Zdesar fragte sich, wie sie in dieser Einsamkeit die Einsamkeit zeigen könne. Das Problem: Wenn sie da bliebe und mit den Männern reden würde, wären sie nicht mehr einsam. Also gab sie ihnen die Kamera und ließ sie mit der Kamera allein.In Vakuum (2013) begleitet Zdesar ihren großvater nach dem Tod seiner Frau, ihrer Großmutter. Der Film zeigt die Spuren eines Menschen, der verschwunden ist und auch: wie wichtig das Weitergehen für das Weiterleben sei, der Film besteht aus Filmfragmenten, die sie innerhalb von zehn Jahren sammelte. Und irgendwann sei sie allein mit dem Auto zum Nordkap gefahren, 500 Kilometer täglich, und 20 Kilometer davor konnte sie nicht mehr, sie habe das Schild 20 Kilometer zum Nordkap fotografiert und war umgekehrt. Es sei erleichternd gewesen umzukehren, sagt Zdesar. Ihre Suchreisen hätten aufgehört, sie verreise bloß noch, um Urlaub zu machen und nicht mehr alleine. Ihre neuen Reisen seien vielmehr innere.
»As an outsider you are more conscious, de-sensibilized.« Im Jahr 2000 startete Hope Tucker, die am Hampshire College Video und Film außerdem Fotografie, Animation, Neue Medien und Visuelle Studien lehrt, das The Obituary Project, ein Kompendium bewegter Bilder mit dem Ziel alltägliche und populistische Narrative durch recycelnde Kontextualisierung zu transformieren. In Anlehnung an Todesanzeigen in Zeitungen spürt sie Geschichten von Menschen, Orten, kulturellen Merkmalen und Traditionen nach, deren Zeit möglicherweise bald abgelaufen ist. Nachrufe seien eigentlich voller Leben, sagt Tucker. Sie habe sich gefragt, wie sie die Arbeit an einem Nachruf in zeitbasierten Medien umsetzen könne und so ein Werk schaffen, bei dem die Sprache von jedem einzelnen Subjekt geprägt sei. Ihre Arbeit drehe sich darum, das Unsichtbare sichtbar zu machen. Gezeigt und ausgestellt wurden ihre Filme und Arbeiten u.a. in Wien, Bolzano, Chicago, Rotterdam, New York, Kairo, Toronto, London. Für Eine Hand voll Staub / Handful of Dust (2013) reiste Hope Tucker in den amerikanischen Südwesten. Der 9 Minuten lange Kurzfilm ist ein Nachruf auf die so genannten »Downwinders«, so werden die vom radioaktiven Fallout Betroffenen genannt.  Um die Geschichte von Atomstaub und Krebs erregenden Fallwinden im Testgelände von Nevada zu erzählen, zu thematisieren, animierte Tucker hunderte Sequenzen von Blaudrucken der downwinders »exposed in the sand using paper sensitized with handmade emulsion and negatives from a 1954 American film shot in Cinemascope. Rates of cancer in the film’s cast and crew reflect that it was shot downwind during the period of above ground nuclear testing.« Eine Hand voll Staub wurde im Utah canyon produziert, dort, wo auch der  Film 1954 film gedreht worden war, »designed as an antidote to recover the memory of the downwinders.« Der Blaudruck als bestimmtes fotografisches Verfahren, wurde ursprünglich für die Übermittlung von Informationen von Text und Diagrammen verwendet. Und mehr noch: “Prussian blue can be used to render images and counteract radiation poisoning.” Jede Karte sei per Hand auf Folie geschrieben und von der Sonne in Utah als Blaudruck gebrannt worden. »Durch das Kombinieren der Titelkarten mit Bildern vom Himmel in Utah schwingt unausgesprochen die bekannte Narration mit, genauso wie sich Partikel von den Atomtests dort noch immer in der Luft befinden, Auslassung und Verdichtung sind stets Teil des Schreibprozesses, und hier war dies besonders zutreffend«, sagt Hope Tucker im Gespräch mit Thomas Ballhausen. Es gehe darum, »how to work with evidence. I am interested in people and their awareness of what happens. It is about positioning facts in order to shape it the way you want to be. So that it also can be a different story. Cows grassing, people riding horses, a handful of dust. I am re-making images.” Für The Obituary Project nahm sie mit dem Handy Filmmaterial von den letzten öffentlichen Telefonautomaten in Finland auf. »Spaces, how do they change? There is almost no public way to make a phone call. All the phone booths: What happens to them?« 2013 war Hope Tucker mit einem Artist Residency Programm des Kunstvereins  das weisse haus in Wien und hörte von dem nie in Betrieb genommenen Kernkraftwerk in Zwentendorf. Für ihr aktuelles Projekt begab sich Hope Tucker auf die Spur der Anti-Atomkraftbewegung in Österreich, die die Schließung des einzigen Atomkraftwerks in Österreich erwirkte, ging in die Nationalbibliothek, las Zeitungsartkel aus der Zeit vor dem Referendum auf Mikrofilm. Vi holder sammen / We hold together (4 minutes, HD, NO/USA, 2011) ist ein »paper clips obituary« auf norwegische Papierklammern. Tucker schrieb den Text zu der Videoarbeit, in dem eben diese Papierklammern die Hauptrolle spielen: In Norwegen seien sie ein Symbol für gewaltfreien Widerstand: »A typeface formed by hand from paper clips spells out an imperfect construction of a national history as it documents a period of nonviolent action. Everyone always talks about the boys in the mountains fighting against the Nazis, but what interested me was the teachers, the clergy, and the labor movement. Those were the real resisters.« 2016 wird Hope Tuckers Nachruf auf das Atomkraftwerk Zwentendorf übrigens der gleiche Typ wie das in Fukushima erscheinen. »I get ideas just by paying attention.« Es ginge ihr darum, eine Form zu finden, sie zu übersetzen in etwas, das sich durch Zeit bewegt, sagt Hope Tucker. I collect material, ask myself how do I connect it, so that everyone understands. How do I tell a narrative. The site is important. Sei es ein Gebäude in Mississippi, das langsam auseinanderfällt. Oder der Baum vor dem Anne Frank Haus in Amsterdam. Der Baum, den Anne Frank von ihrem Fenster aus sah, den sie in ihrem Buch beschreibt, der wegen Morschheit gefällt werden musste. »I traced the tree«, sagt Hope Tucker.
Wo eine Lücke, da sind Bilder. Und zwei spannende Open Lectures mit Filmbeispielen, die an dieser Stelle zumindest verlinkt seien.

 

Mittwoch 7.10. #1 :: Angelika Kuźniak & die Reportage in Polen

Eine Österreich-Premiere wieder, nein gleich zwei. ;) Und Teil 1 »Angelika Kuźniak und die Reportage in Polen« schon so superspannend.. Habe ich schon erwähnt, dass ich dieses Festival liebe? Aus vielen Gründen, einer davon: Es bringt die Welt / unendlich viele Welten nach Wien und die interessantesten, spannendsten, nettesten Menschen – nur vielleicht kurz vorweg: Teil 2, »Die Geschichte der kurz gefassten Gedanken ist lang«, ist ein wunderbar schlauer, unglaublich dichter Eröffnungsvortrag von Pierre Alféri, auf Französisch: »Bref. Des nouvelles du présent.« Alors: »Angelika Kuźniak und die Reportage in Polen«. Robert Huez begrüßt Bogdan Wrzochalski, den stellvertretenden Direktor des Polnischen Instituts Wien, Angelika Kuźniak, Martin Pollack und Joanna Ziemska als Dolmetscherin. Martin Pollack, Slawist, Historiker, Journalist, selbst mit zahlreichen Preisen ausgezeichneter Autor (zuletzt: Die Wolfsjäger. Drei polnische Duette gemeinsam mit Christoph Ransmayr, 2011. Kontaminierte Landschaften, 2014), langjähriger Korrespondent des Spiegel in Wien und Warschau und Übersetzer polnischer Literatur, stellt Angelika vor: Geboren 1974, wächst sie an der deutsch-polnischen Grenze auf, beschäftigt sich in ihren Texten immer wieder mit dem polnisch-deutschen Verhältnis, »eine belastete, schmerzliche Beziehung«, studiert sie Kulturwissenschaft und Linguistik in Frankfurt/Oder und in Macerata, Italien, kennt Deutschland seit vielen Jahren. Seit 2000 arbeitet Angelika Kuźniak  als freie Journalistin und Reporterin für die Tageszeitung Gazeta Wyborcza, die nicht nur in der Wochenendbeilage Duży format, »es heißt nicht umsonst Großformat« sagt Martin Pollack, große, sorgfältig recherchierte Reportagen bringt. Angelika Kuźniak wurde dreimal mit dem Grand Press Preis ausgezeichnet (2004 für Mój warszawski szał, 2008 für Zabijali we mnie Heidi, 2009 für Przećwiczyłam śmierć, ein Interview mit Herta Müller). Für das Interview mit Herta Müller erhielt sie zudem den Barbara Łopieńska Preis 2009 für das beste Interview. Martin Pollack sagt, »das beste Gespräch des Jahres 2009.« Das beste Gespräch des Jahres 2009, was für ein schöner Titel für einen Preis, denke ich. »Von den polnischen Reportern können sich die österreichischen etwas abschneiden“, sagt Martin Pollack. Sich fünf Stunden Zeit nehmen für ein Interview, sei z.B. normal, sei Standard. »Bei uns undenkbar.« Grand Press. Bei uns würden sie über den Titel einfach Reportage schreiben, aber das mache noch lange (!) keine Reportage daraus.
»Die polnische Reportage«, sagt Martin Pollack, »ist mein Lebensthema, nein besser Lieblingsthema.« Er sei ja selbst Reporter, arbeite gerne mit Christoph Ransmayr zusammen. In Polen seien Reportagen etwas ganz Besonderes. Die Gazeta spiele eine ungeheuer wichtige Rolle für die polnische Reportage. Angelika habe ihm eben vorhin gesagt, sie versuche, ein wenig von der Reportage loszukommen. »Wir wollen sie dann fragen, warum.« Ob sie müde sei. ob sie glaube, dass sich die Reportage überholt habe. 2009 erschien Angelika Kuźniaks Reportageband »Marlene«, der den letzten Jahren Marlene Dietrichs in Polen gewidmet ist. Zuletzt »Papusza« (2013), ein Buch über die polnische Roma-Dichterin und Sängerin Bronisława Wajs. Darüber wird noch gesprochen werden, über den Unterschied zwischen Biografie und Reportage.

Und dann liest Angelika Kuźniak aus »Wszystko o mojej siostrze«, »Alles über meine Schwester«, übersetzt von Martin Pollack. Sie hat eine wunderschöne Lesestimme. Man hört ihr gerne zu. Wir bekommen den Text auf Deutsch simultan an die Wand gebeamt. Ich kann mich in den Text hineinhören, fallen lassen und habe plötzlich das Gefühl, polnisch zu verstehen. »Sylwin Rubinstein ist zweiundneunzig Jahre alt. Er lebt in Hamburg, in St. Pauli. Ein Viertel mit Bordellen, Nachtklubs und türkischen Läden. Man muss auf die verabredete Weise klopfen: poch – poch, poch – poch, poch. Sonst wird man von Sylwin nicht eingelassen.« (…) In klaren, prägnanten Sätzen zeichnet Angelika Kuźniak mit wenigen, präzise gesetzten Strichen ein Leben. Der Text erzählt die berührende Geschichte von Sylwin und seiner Zwillingsschwester Małke (»Mach dir keine Sorgen, ich sehe nicht aus wie eine Jüdin«), einen aus Polen stammenden Holocaust-Überlebenden, polnischen Juden, jüdischen Polen, den es nach Deutschland, nach Berlin, und später nach Hamburg verschlug. »Manchmal schalte ich den Fernseher ein und warte«, sagt Rubinstein. »Vielleicht zeigen sie einen Film über den Holocaust. Ich suche ihr Gesicht.« (…) Sylwin und Małke.  Geschwister. Tänzer, Künstler. »Wenn ich tanze, zeige ich meine Seele und bin meiner Schwester näher.« »Ja, das ist mein Schwesterchen, mein Zwilling, Wir waren Salek und Małke. Eine Seele in zwei Körpern.« Sylwin tanzte »für Amerikaner, Engländer und Russen. Sie warfen mir silberne Feuerzeuge und Blumen zu. Ich hatte vierundzwanzig Pelzmäntel, Leoparden, vierundzwanzig Paar Schuhe, vierundzwanzig Kostüme und Perlen. Parfums waren nie zu teuer für mich. Die Männer starrten mich mit offenem Mund an.« (…) »In Frankfurt am Main lernte er Elvis Presley bei, auf Kastagnetten zu spielen. »Meine Liebe, die Kastagnetten waren nichts für ihn.«
Angelika Kuźniak spricht sehr gut Deutsch, auf Polnisch seien ihre Antworten jedoch präziser und Joanna Ziemska hat alle Hände voll zu tun, um mit dem Tempo, das das Gespräch vorgibt, mitzuhalten, was ihr bravourös gelingt. Es geht um die Rolle der Reportage in Polen, warum sie so einen hohen Stellenwert hat, welche Funktion sie vor 1989, im kommunistischen Polen, hatte, wie Angelika Kuźniak überhaupt zur Reportage gekommen ist. »Ich bin mit dem Fahrrad hineingefahren.« Im Jahr 2000 ist Angelika mit dem Rad an der deutsch-polnischen Grenze unterwegs, als ihr ein Schild an einer Kirche auffällt, auf der sinngemäß zu lesen ist: Hier haben in einer Nacht ganz viele Menschen auf sinnlose Art ihr Leben verloren. Und Angelika fragt sich, wie und warum? Und: Was heißt das? Sie beginnt nachzufragen und zu recherchieren, stößt auf eine Frau, die dabei war, die erzählen kann, was damals passierte. Die Frau. Das Bild: Ein Mädchen mit Schaum vor dem Mund, von russischen Soldaten vergewaltigt, um den Hals rote Striemen von einem Strick, den ihr die Mutter um den Hals gelegt hatte, um sie am Dachboden aufzuhängen. Ein Mädchen, das überlebt hat. Angelika schreibt eine E-Mail an Małgorzata Szejnert, Grande Dame der neuen polnischen Reportage, Mitbegründerin und lange Jahre Leiterin der Reportageabteilung der Gazeta Wyborcza. Bekommt den Auftrag, die Geschichte zu schreiben und mit Włodzimierz Nowak einen grandiosen Reporter zur Seite gestellt. Zusammen schreiben sie die ungeheuer traurige, tragische und schreckliche Geschichte eines Massensuizids, jahrelang, jahrzehntelang schamhaft verschwiegen. Die Nacht von Wildenhagen von Włodzimierz Nowak (Mitautorin Angelika Kuźniak).
Die Details, die einzelnen Bilder, seien unglaublich wichtig, sagt Angelika Kuźniak. Über das Detail das Große erklären, das kann die Reportage, Das Einzelschicksal.»Die Welt setzt sich aus einzelnen Existenzen zusammen, und die Verallgemeinerung ist der natürliche Feind des Menschen. Das Drama des Menschen hat stets individuellen Charakter«, zitiert Martin Pollack Adam Michnik, den Gründer und Herausgeber der Gazeta Wyborcza. Die polnische Reportage hat eine lange Tradition, die bis weit vor die Zwischenkriegszeit zurückreicht und bis heute fortgesetzt wird. Es sei tatsächlich erstaunlich, wie erfolgreich die Gattung in Polen ist. Nirgendwo sonst auf der Welt gebe es dieses Riesenangebot an Reportagen. Da ist z.B. der 1998 von Monika Sznajderman gegründete Verlag Czarne, ein kleiner Verlag an der polnisch-slowakischen Grenze, der im Jahr 2010 allein 9 Bände nur mit Reportagen herausbrachte, 2013 waren es 22 Bände und 2015 bereits 26 (!) Bände mit großen, literarischen Reportagen, von sowohl polnischen wie internationalen Autor/inn/en. Da ist die Gazeta Wyborcza, aber auch die anderen Zeitungen, die regelmäßig Reportagen bringen, das Instytut Reportazu, ein Institut für die Reportage, von drei Reportern Marius Szszygieł; Wojciech Tochman und Paweł Goźliński in Warschau gegründet, weil »wir alle über alles wenig wissen“ (Ryszard Kapuściński) mit einer Polnischen Schule für Reportage, in der man das Handwerk lernen kann. Und immer wieder: die Leser/innen. Die polnische Reportage kann leben, weil die Menschen sie lesen, weil sie sie kaufen, weil die Verlage Geld in die Hand nehmen. Weil es grandiose Autor/innen und Reporter/innen gibt, die Vorbilder sind, die ihr Wissen weitergeben, die junge Menschen ermuntern, zu schreiben. Weil Menschen, wie z.B. Adam Michnik und Małgorzata Szejnert Zeitungen gründen und führen, die der Reportage Raum und ihren Reporter/inne/n Zeit geben. Es komme auf einzelne Personen an, auf den Einsatz von Individuen. »Man muss ihnen danken, sagt Martin Pollack. Dafür, dass sie uns Leser/innen erziehen und uns vor allem die Möglichkeit geben, Reportagen lesen zu können.« Manchmal müssen die Leser/innen die Reportagen auch suchen. Wenn etwa, wie Angelika erzählt, »Der schwarze Garten« von Małgorzata Szejnert in einer Buchhandlung in der Gartenabteilung landet.

 

Mittwoch 7.10. #2 :: Bref. Kurz. Pierre Alféri!

Bref. Des nouvelles du présent / Kurz. Neuigkeiten von der Gegenwart. Österreich-Premiere # 3, nein # 4: Festival-Vortrag von Pierre Alféri.

Oh wooww. Was für ein Tag. Was für ein Abend. »Die Geschichte der kurz gefassten Gedanken ist lang.« Von Polen geht es nach Frankreich, oder vielmehr in die Welten literarischer Kurzformen. Auf der Literaturhausbühne begrüßt Anne Zauner Pierre Alféri, Philosoph, Übersetzer und Autor. Alféri, 1963 in Paris geboren, gilt als einer der innovativsten Schriftsteller seiner Generation, schreibt Prosa, Lyrik, Songtexte und Essays, veröffentlichte mehrere Lyrikbände – darunter Les Allures naturelles (1991) und Kub Or (1994) – Essays und Romane – zuletzt Les Jumelles (2009) und Kiwi (2012), einen Feuilletonroman, der mit Illustrationen und in Fortsetzungen erschienen ist. Pierre Alféri lenkt bald unseren Blick von »Romanen und schwedischen Krimiwälzern weg«, hin zu neuen Arten des Lesens, deren »Trägermedien die Handtaschen nicht übermäßig schwer machen«: Mikroerzählungen, Flash fictions, tweeterature, die vor allem online über Webmagazine und Newsletter vertrieben werden und alle Genres umfassen, »von der Fabel bis zu Science Fiction«. Die neuen Formate, angepasst an ihre jeweiligen Vorgaben – sei es SMS, E-Mail, Blog, etc. – was z.B. die Länge (Anzahl der Zeichen) betrifft, werfen Fragen auf: »Welche Vorbilder haben sie?« Woher stammen sie? »Sind sie bloß Staub, zu denen die abgegriffenen Formen der erzählenden Fiktion zerfallen, bedeutungslose Trivialliteratur«? Was können sie? Und: Was wird von ihnen erwartet?
Alféri bewegt sich künstlerisch in verschiedenen Welten, arbeitet gerne und regelmäßig mit Musiker/inn/e/n, Filmemacher/inne/n, bildenden Künstler/inne/n und Dichterkolleg/inn/en zusammen. Darüber hinaus hat er sich auch als Übersetzer u. a. von John Donne und Giorgio Agamben einen Namen gemacht. Er ist Mitbegründer des Literaturjournals Détail und La Revue de Littérature Générale und unterrichtet in Paris an der École nationale supérieure des Beaux-Arts und der École Nationale Supérieure des Arts Décoratifs sowie in der Schweiz an der European Graduate School in Saas-Fee. Und er ist, wie Anne Zauner beiläufig erwähnt, der Sohn von Jacques Derrida. Ich frage mich, ob ich das hier erwähnen soll, ob das wichtig ist, ob es ihn festlegt, ihm unangenehm sein könnte, ihn schubladisiert, ihm automatisch und unwillkürlich zumindest meinerseits Anerkennung – im Soziologenjargon symbolisches Kapital (Bourdieu) – einbringt. Und finde zugleich doof, dass ich so denke. (Er kann damit seit 1963 wahrscheinlich ganz gut umgehen.) Alféri sagt, »die Kurzformen verdanken einen Großteil ihrs Erfolges den Weisheitstraditionen und später den Moralist/inn/en.« Dichte Regeln würden die Fantasie anregen und werden unverfälscht übertragen. »Die Effekte der kurzen Wendung seien mit der brevitas im moralischen Register vergleichbar, sie seien oft sogar deren Karikatur. Und: Micro-fictions seien oft besessen von der Spitze, »geben im allgemeinen der Verlockung einer simplen Pointe nach, auf die Gefahr hin, dass bloß ein Scherz in Erinnerung bleibt. Bloß ein Scherz in Erinnerung. Dies als Artikulation moderner Befindlichkeiten? »Unsere Flash fiction, Kurzgeschichten oder Anekdoten beruhen in ihrer überwältigenden Mehrheit tatsächlich auf dieser unreflektierten Ereigniskonzeption, dieser Überbewertung der menschlichen Handlung, diesem schwerfälligen Kausalismus.« Anstatt das Experimentieren zu fördern, lege ihre Kürze oft eher das alte Gerippe, le vieux squelette, offen, als all die dicken Romane, die durch die Vervielfältigung der Nebenhandlungen ein wenig die Stereotypie ihrer Erzähllogik vergessen lassen können. Ich frage mich, ob wir Romane brauchen, um uns wegzuspacen, um Zuflucht zu nehmen in vorhersehbaren Nebenwelten, und alles für die Reproduktion sozialer Verhältnisse? Ob sie gar Ablenkungsmanöver gegenwärtiger neoliberaler Markt-Notwendigkeiten sein könnten und die literarischen Kurzformen als subversive Gegenstrategien gedeutet können. Ich lenke ab, das geht mir jetzt zu weit. Die Verblüffung sei die Pointe der Kurzerzählung und habe in den vergangenen Jahren etwas Mechanisches angenommen, sagt Alféri: »Ihre Spitze ist zu stumpf.«

Der Standort Micro-Fiction im gegenwärtigen Literatursystem ist nicht eindeutig zu bestimmen, wenn die Entwicklung dieser Kleingattungen lediglich im linearen chronologischen Verlauf begriffen und die Hybridität der Kategorien bestritten wird. Es ist kaum möglich, exakte Begriffserklärungen für die unterschiedlichen epischen Kurzformen zu finden. Alféri bietet uns stattdessen verschiedenste Zugänge / Perspektiven in kleinen Häppchen an: (Die Überschriften) Kürze – Ereignis – Attentat – Keine Geschichte umreißen die Spielwiese literarischer Kurzformen, fächern den historischen Hintergrund auf. Kurzformen spiegeln die Zusammengehörigkeit verschiedener historischer Spielformen eines in sich unglaublich reich differenzierten Gattungsfeldes, seit einigen Jahren bereichert um unendlich vielfältige Spielarten digital-medialer Möglichkeiten, nicht nur, was Produktion und Verbreitung betrifft. Und je mehr sich das Literatursystem ausdifferenziert, erweist sich genau dieses schnelle, kurze und auch kurzlebige Segment der Textproduktion als das dynamischste, weil es nicht nur eine Fülle von Hybridformen bekannter Genres, sondern auch gänzlich neue Texttypen generiert.
Alféri spannt den Bogen von der Novelle, »von Boccaccio erwähnt, von Goethe gedacht und von Robert Putsch auseinandergenommen, die ein einzelnes Ereignis durch die Abfolge einiger Szenen erzählt« bis hin zu Félix Fénéons kurze Drei Sätze-Prosa: »Die Nouvelles en trois lignes weckten Hoffnungen, gaben den Blick auf etwas ganz anderes, neues frei.« Fénéons engagierte sich in der anarchistischen Bewegung, war an der Herausgabe von L'Endehors beteiligt unterstützte die Intellektuellengruppe um Émile Zola in der Dreyfus-Affäre, unterzeichnete eine Petition, in der die Revision des Fehlurteils gegen Alfred Dreyfus gefordert wurde. Alféris Hypothese: Fénéons Werk war nur der Embryo dessen: Dass »die Kunst der Kurzerzählung aus dem Einschnitt des anarchistischen Terrorismus geboren wurde«, dass sie »eine Kunst des non sequitur sei, eine Kunst der Erzählung ohne Ursache und ohne Zweckbestimmtheit.« Ja, kann man absolut so sehen. Und alles zusammen denken, mischen. Das Aufkommen systemischer Ansätze, die vom gewohnten Verständnis kausalen Denkens weggehen. Die Konstruktion des Phänomens einer linearen Evolution so gesehen »gebrochen« und nichtlinear.

Short short story, flash-fiction, smokelong  story. Alféri erwähnt die großartige Lydia Davis, den Star des literarischen Amerika. Ihre »Stories«, Miniaturen in Prosa – präzise, witzig, philosophisch – gelten als neue Gattung. Es geht um Hybridität, Grenzziehungen, Überschreitungen, Durchbrechungen ganz anderer Art. Der Wunsch nach Festmachung ebenso wie das Offenhalten der und die Ungenauigkeit der Begriffe ergibt sich aus der Vielzahl miteinander konvergierender kurzer Textformen. Hat an beiden Enden eine (konstruktive) Funktion. Betrachtet man Literatur insgesamt als System und ihre unterschiedlichen Teile als ein dynamisches Ganzes, als ein Geflecht von Normen und deren Herstellung und Überwindung voller Harmonien und Disharmonien, geht es ständig und permanent darum, etwas zu finden, was in seiner Einzigartigkeit unnachahmbar ist. Und darum, zwischen all dem, was möglich ist, gerade in dieser Labilität, in dieser kontinuierlichen immanenten Bewegung, eine Balance zu finden und all die Spannungszustände und Systembrüche auszuhalten, die entstehen, wenn die bestehenden Normen zugunsten neu etablierter Strukturen deformiert oder verdrängt werden. Klar, den alten Konstruktionsprinzipien wirken permanent neue dialektische entgegen. Die automatisierten »großen Formen« werden von innovativen »kleinen Formen« abgelöst. Und umgekehrt. Oder besser: ergänzt.

Keine Geschichte / Based on no story. Based on a smokelong story. Ich überlege, was noch alles scheinbar nebenbei abläuft, für die Länge einer Zigarette, eine Fahrt in der U-Bahn/ Metro.. Ob Literatur nun endgültig etwas für nebenbei ist und vielleicht immer schon war. Weil unsere Zeitfenster (für z.B. einmal gar nichts tun müssen) kürzer werden. Ob Literatur nun endgültig etwas fürs Unterwegs-sein ist und vielleicht immer schon war. So als Lebens-Reisebegleiter. Und wohin all die verlunzten Wochenenden verschwunden sind. Ich frage mich, was noch alles smokelong bzw. kurz sein kann, wenn man z.B. zu rauchen aufgehört hat oder in urbanen Räumen (Paris, Berlin, Sarajevo, Wien sonstwo) nicht U-Bahn, sondern Fahrrad fährt. Und was uns das sagt? Ob das etwas über die Zielgruppe/ Leserschaft aussagt? Sich Zeit für eine Zigarette nehmen, flanieren. Herumlungern. Abdriften.

Heißer Tipp: Alféri im von Richard Steurer-Boulard übersetzten Original nachlesen (kolik, zeitschrift für literatur 67, ab Seite 12). In der U-Bahn und wo auch immer.

Dienstag 06.10. ::

»Diese Geschichte ist frei erfunden. Sie nimmt es nicht genau mit den Ländern, Zeiten und Situationen, die sie zu beschreiben scheint.«: V. S. Naipauls disclaimer in »Ein halbes Leben«. Wer wohl aller schon hier war, hier auf dieser Bühne in diesem Theaterraum in Plüschrot. So schön behaglich. Zur Eröffnung der Internationalen Erich Fried Tage gibt es – eine Österreichpremiere – den Literatur-Nobelpreisträger V. S. Naipaul und den österreichischen Schriftsteller Christoph Ransmayr im Akademietheater zu erleben. Und draußen ist Krieg. Dazu noch Wahlkampf in Wien. »Wer will, dass die Welt so bleibt, wie sie ist, will nicht, dass sie bleibt«, zitiert Karin Bergmann Erich Fried. »Erich Fried«, sagt Karin Bergmann, die Direktorin des Burgtheater, stand 1986 hier auf dieser Bühne. (*und auch Elfriede Jelinek und ganz viele andere, dies sei erwähnt, weil nun gleich ein weiterer Literaturnobelpreisträger erwartet wird.) In Order of Appearance kommen auf eben diese Bühne: die eben genannte Karin Bergmann, Wiens Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny, Kulturminister Josef Ostermayer, Anne Zauner, Kuratorin der Erich Fried Tage. Der Schriftsteller und große Reisende unter den deutschsprachigen Erzählern: Christoph Ransmayr. Hans Jürgen Balmes, Programmleiter für internationale Literatur bei S. Fischer. Und last, not least: Sir Vidiadhar Naipaul, Literatur-Nobelpreisträger 83-jährig im Rollstuhl sitzend, stark erkältet, dennoch aus London angereist – umso größer und langanhaltender der Applaus und dankenswerter das Publikum – in Begleitung seiner Frau, der Journalistin Nadira Khannum Alvi Naipaul und seines langjährigen Freundes und Sprachrohrs Farrukh Dhondy, selbst Autor. Der erste Teil des Abends steht im Zeichen des Gesprächs der beiden Autoren, moderiert von Hans Jürgen Balmes. Mit Dhondy sind es drei Autoren. Es geht um das Schreiben, um persönliches Erleben eingebettet in Zeit und Raum, um Grenzen von Facts and Fiction*, die Reportage als Werkzeug der Dokumentation von Umwälzungen, um das Reisen, um Wahrnehmungen, darum, wie das Vielschichtige der Wirklichkeit erfassen, um (kulturelle) Identitäten, multiple Zugehörigkeiten und Zuschreibungen. Es beginnt so: Naipaul, der oft als der beste zeitgenössische Schriftsteller englischer Sprache bezeichnet wird, wächst in einer indisch-stämmigen Familie in Trinidad auf, geht 1950 mit einem Stipendium nach Großbritannien, studiert in Oxford. Die Geschichte seiner Kindheit und die seines Vaters verarbeitet er in »A House for Mr. Biswas«. Naipauls Großvater war im 19. Jahrhundert aus Uttar Pradesh, Indiens größtem Staat als Vertragsarbeiter nach Trinidad, der größten Insel des heutigen Inselstaates Trinidad und Tobago, emigriert. Nach dem Studium zunächst als freier Mitarbeiter bei der BBC tätig, widmet sich Naipaul bald voll und ganz dem Schreiben, reist mehrfach nach Indien, Zaire, Uganda, Iran, Pakistan, Malaysia und nach Indonesien. Seine Erfahrungsberichte und Analysen gehen weit über die Form von Reiseberichten hinaus. Das ist, wo sich die beiden, Ransmayr & Naipaul, abseits der Bühne treffen. Der ebenso weltenreisende wie -beschreibende Christoph Ransmayr erzählt von der Beschreibung einer nächtlichen Bootsfahrt auf dem namenlosen Fluss in »A Bend in the River«, die ihn an die Traun beamte, in eine Nacht am Traunufer, und wie sich durch seine Lektüre ein von Naipaul erdachtes anderswie erlebtes Szenario in ein persönliches Neu/Erleben wandelte. Überhaupt sei das Verwandeln dessen, was man über seine Welt wisse und es zur Sprache zu bringe, ein geradezu wahnwitziger Transformationsprozess, so Ransmayr. So etwa Großes, Mystisches und Unfassbares wie eine Wüste oder ein Gebirge als »Wüste«, »Gebirge«, »Sahara« oder »Himalaya« zu bezeichnen, verwandle einen rätselhaften Teil von Welt in etwas, das man als Schreibende*r im Herzen und im Kopf trage. Eine größere Kluft als zwischen dem wirklichen, gigantischen Himalaya und dem Wort »Himalaya« sei kaum vorstellbar. »Im Gehen wurde ihm die Welt nicht kleiner, sondern immer größer, so groß, dass er schließlich darin verschwand«, schreibt Ransmayr in »Die Schrecken des Eises und der Finsternis«. Ja, spannend, den vieren / fünfen zuzuhören. Farrukh Dhondy stupst Naipaul immer wieder (an): »Erzähl doch, wie…«, »Weißt du noch, als...«, schön und auflockernd so eine, seine Zwischenmoderation. Irgendwann steht Nadira Naipaul, die im Hintergrund auf der Bühne sitzt, auf, entführt auf charmanteste Art ihren Mann und Farrukh Dhondy von der Bühne, Hans Jürgen Balmes und Christoph Ransmayr folgen unter langanhaltendem Applaus. Und dann lesen Kirsten Dene, Laurence Rupp und Martin Schwab aus V.S. Naipauls »An der Biegung des großen Flusses« (»A Bend in the River«), aus »Ein Haus für Mr. Biswas« (»A House for Mr. Biswas«) und aus Christoph Ransmayrs »Atlas eines ängstlichen Mannes«.

*Hmm, kleine (facts&fiction) Abschweifung zu Heinz von Förster, faszinierend, wie und dass sich Gedanken, Konstruktionen in materiell und nicht-materiell einteilen lassen. von Förster, der auf den etymologischen Zusammenhang zwischen facere (lateinisch: machen, herstellen. Faktum) und fingere (aufbauen, konstruieren: Fiktion) hinweist. Dass, wenn von einem Faktum die Rede ist, zugleich die Möglichkeit bestehe, es zu bezweifeln. Bei Fiktion gebe es diese Möglichkeit erst gar nicht. Der Unterschied ein materieller, auch in Gedanken: Bei und über Fakten lässt es sich streiten. Bei Fiktion ist der Zweifel wohl mehr im Inneren, quasi miteingewoben in die Schreibenden. Wobei er (der Zweifel) ja nicht wichtig ist, wenn‘s funktioniert. »Das habe ich gelernt, seit ich hier bin. Nichts geht je den vorhergesehenen Weg. Die Welt müsste stillstehen, aber sie dreht sich weiter.« V. S. Naipaul. Ja, die Welt. Und ihr Wandel. Alles gut. Wer sich wandelt, dreht sich auch nur mit. (der Welt). Fried, Bergmann, Mailath-Pokorny, Ostermayer, Naipaul, Zauner, Huez, Prosser, alle und ich.

 

Montag 5.10. :: Sea change

Morgen Abend ist es soweit: Die Erich Fried Tage werden im Wiener Akademiethater eröffnet und heute bereits gibt es vorab eine Österreich-Premiere zu erleben: SEA CHANGE – A photo documentary about young Europeans today ist nach dem Litteraturhuset Oslo und dem Literarischen Colloquium Berlin nun im Literaturhaus Wien zu sehen. PROJECT SEA CHANGE lud Dokumentarfotograf/inn/en aus ganz Europa ein, in Bildern zu fassen, was es heißt, heute jung zu sein.
2011 startete das ambitionierte Vorhaben in Oslo. Template und Inspirationsquelle für das Projekt war ein von der Regierung Roosevelt Mitte der 1930er Jahren initiiertes Fotoprojekt, die Auswirkungen der Wirtschaftskrise von 1929 in den USA zu dokumentieren. Ein Großteil der Fotos von damals, an die 170.000 Bilder, ist in der Library of Congress in Washington D.C. archiviert und einsehbar. Kuratiert wird Sea Change vom britischen Fotografen Jocelyn Bain Hogg: »The project began in the crisis of 2007, when Iceland and Ireland fell. This is about 18 to 25 year olds, and how they survive. This is about pictures of real people. And about human contact. We want to change the clichés, show their reality. We provide the questions. And, we can provoke a debate.« Sea change, wie Anne Zauner, Kuratorin der Fried Tage und Robert Huez, Leiter des Literaturhauses Wien, einleitend hervorheben, bedeutet im englischen Wandel der Gezeiten ebenso wie eine umfassende, tiefgreifende Veränderung. Bain Hogg erzählt von der zunehmenden Spaltung (nicht nur) der britischen Gesellschaft, die sich (auch) in den Bildern der anderen Länder zeige, von neuen tribes, einer neuen tribal culture, von subtilen dress codes, die von Stadt zu Stadt, von Viertel zu Viertel variieren. »This tribalism is atavistic; not hidebound in colour or creed but in areas.« Die Aneignung urbaner Räume, kopf-ratter. Die sozialen Ordnungen. Zugangsmöglichkeiten. Hierarchien, Zugehörigkeiten, Gewalt, Festschreibungen, Ausgrenzungen, Einzäunungen. Ortseffekte. Bourdieu. Die Spaltungen sind hier, sichtbar und spürbar. In den Bildern als mikroskopische Ausschnitte. Die Macht, die sie haben. Was, wie sie (uns) zeigen. All diese visuell-diskursiven Prozesse, und wie sie uns Sehgemeinschaften zusammenbringen, auseinanderdividieren und wieder neu zusammensetzen.

Da ist Ivan in einem Tunnel in Lettland, er hat die Augen geschlossen und singt russische Lieder. Oder Kayleigh, Sommersprossen auf der Nase, Kreolen im Ohr und im Begleittext an der Wand: ihre unglaublich traurige Geschichte. Da sind Nonni und seine Freunde, die fein angezogen Trampolin springen und ausgelassen feiern, dass die Schule vorbei ist. Ein Clandestine Insurgent Rebel Clown, der gegen den Ausbau der Kohlengrube Garzweiler II demonstriert. Und kein Bild ohne Kontext. Dann sind da noch Clara, Johannes und Sarah, die den Schüler/innen Literaturwettbewerb gewonnen haben.* Und Fabian Weiß, der gemeinsam mit Bain Hogg den parallel zu den Fried Tagen laufenden Foto-Workshop leitet, in dem Bilder österreichischer Jugendlicher produziert werden, die von Mark Watkins als Broschüre lay-outiert in der Ausstellung aufliegen.

Portugal, Norwegen, Deutschland, Irland, Großbritannien, Rumänien, Lettland, Spanien, Griechenland, Tschechien, Island, Polen und Malta. Und ich stehe mittendrin in der Lücke zwischen Sagbarkeiten und Sichtbarkeiten (Kampf, Resignation, Lebendigkeit, Perspektivenlosigkeit, Zuversicht, Rebellion, Unsicherheit, Erleichterung, Humor, Betäubung, Abenteuerlust, Freude, Wut..), zwischen all den Aufnahmen, die an die verschiedensten Lebenswelten heranzoomen. Werde herangezoomt: über all die unterschiedlichen Blicke, die da nach draußen gehen, die sich zugleich auf mich selbst richten und eine subjektive Landkarte temporärer Stimmungen schaffen. Frage mich, wo wir stehen, wo ich stehe, wie es sich anfühlt, was vielleicht sein wird, was (los) ist, was wir tun werden, wer wir uns sind, wir als Sound des Ganzen, sichtbar und schön und unschön und wild und frei und unfrei, jung und alt und politisch. Ich frage mich, ob ich jung bin. Und wofür jung sein steht. Wie es weiter geht. Was wir uns antun, was wir uns Gutes tun (können). Wechselseitig, kollektiv. Dass wir ein Ganzes sind. Sea change ist auch ein Album der britischen Band Beck und das Alter-ego von Ellen A. W. Sundes, einer jungen Norwegerin, die Electronic-Pop macht. Sea Change sagt: »When I wrote Squares I had a strong urge to run away from everything and everyone, and never look back.« Apropos: looking forward. Ich bin gespannt auf die Bilder aus dem Foto-Workshop.

SEA CHANGE im Literaturhaus Wien zu sehen während der Veranstaltungen der Erich-Fried-Tage und ab 12. Oktober 2015 Montag bis Donnerstag 09.00 - 17.00 Uhr. Eine größere Auswahl der Fotos gibt es hier http://www.projectseachange.com/

* Da sind auch die Jury-Mitglieder des Facts & Fiction Jugendliteraturwettbewerbs, Zita Bereuter, Leiterin des FM4-Literaturressorts, Robert Huez vom Literaturhaus Wien und Gustav Ernst, Autor und kolik-Herausgeber. Die Preise werden verliehen und gehen an: Clara Porak für eine Sozialreportage, eine authentische Schilderung wie es ist, einen Bruder mit Down-Syndrom zu haben. »Du reduzierst jemanden, den du maximieren solltest.« An Johannes Lang für die Schilderung eines Schulalltags in China und an Sarah Teje Fürst für ein literarisches Klassenfoto in Montagetechnik: »Das globale Klassenzimmer«, nachzulesen in der kolik 67 - zeitschrift für literatur.

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10. 10.

Samstag Vormittag bot sich für eine Handvoll Autor*innen die Gelegenheit, mit William T. Vollmann vertieft ins Gespräch zu kommen. In der Bibliothek des Literaturhauses fand eine von Vollmann dankenswerterweise selbst initiierte Gesprächsrunde statt, zu der unter anderem Andrea Grill, Clemens Setz, Eva Schörkhuber, Wolfgang Popp, Thomas Ballhausen und Rainer Merkel eingeladen waren. Vollmann wolle österreichische Autor*innen kennenlernen, hieß es, und mit diesen über ihre Arbeit sprechen, wir erzählten ihm  also von Manuskripten und damit verbundenen Unsicherheiten, auf die er knappe, meist zielsichere Lösungsvorschläge parat hatte. Vollmann hörte mit unbewegter Mine zu, bohrte nach oder wies auf ein bestimmtes Buch hin, er agierte wie ein unvoreingenommenes Orakel, das für knapp zwei Stunden zu konsultieren war, und erzählte von der Hingabe ans Recherchieren in Archiven und draußen im Gelände, an das Erarbeiten, Erwandern der Landschaft, die Überwachung durchs FBI (mit der er trotz Unannehmlichkeiten wie aufgeschlitzter Briefkuverts in einer buddhaesken Weise Frieden geschlossen hat), das Verkleiden als Frau mit Namen Dolores (siehe The Book of Dolores), die formalen Struktur von The Dying Grass, eigentlich einem Langgedicht mit historischer Agenda, in dem verschiedenste Sprachebenen und Sprecher verwoben, Gedanken, Gefühle, Dialoge in Stimmengirlanden eins werden, der Text auf der Seite von links nach rechts immer tiefer in das Unterbewusstsein dringt.
            Den Abschluss dieses dichten Tages -  in dessen Verlauf unter anderem Sebastian Lörscher mit seiner Graphic Theater benannten Mischung aus Zeichnung und Dialogsequenzen für Begeisterung sorgte, der als deutscher Exot in Österreich unterwegs den hiesigen Alltag mit Skizzenbuch und Stift, Verve und Humor eingefangen hatte, mit Schwerpunkten in Wien, Graz und Kirchberg in Tirol, und dass ihn seine Recherchen für A bisserl weiter (geht’s immer) auch in den Genuss von Krautingerschnaps brachte, sei ihm hochangerechnet – den samstäglichen Abschluss also bildete eine Lesung, die noch bis weit in die Nacht für Diskussionen sorgen sollte: Phil Klay trug aus Redeployment vor, einem Erzählband, der 12 Stimmen vereint, 12 verschiedene Sprecher, die als Sanitäter oder Priester im US-Marines-Corps im Irak stationiert sind. Schon zu Beginn stellte er klar, sich zwar als 20-jähriger freiwillig gemeldet zu haben, doch als Public-Affairs-Officer nicht an Gefahrenorten stationiert gewesen zu sein, vielmehr hatte er in der Provinz Al-Anbar einen Posten inne, der wenig mit den im Buch geschilderten Geschichten zu tun hatte. Klay erzählt in Redeployment, wie die Rückkehr funktioniert oder scheitert, sich das Er- und Überlebte verarbeiten lässt, ein Prozess, der durch den Traumakitsch, wie Klay es bezeichnete, erschwert wird: durch den Hunger der Zuhausgebliebenen auf blutige Geschichten, die den Veteranen in Klays Erzählungen allerdings höchstens zu einem One Night Stand verhelfen. Wird Klay vor allem im US-amerikanischen Sprachraum aufgrund seines schnörkellosen Stils gefeiert, der den Soldatenalltag im Irakkrieg nahezu unprätentios darstellt, waren in Wien einige von der spürbar kriegsbejahenden Einstellung vor den Kopf gestoßen. Im Gespräch mit Moderator Florian Höllerer äußerte Klay die Ansicht, dass militärische Auseinandersetzungen zu Gutem führen können, wie der amerikanische Sezessionskrieg belegt – ungeachtet der Frage, was ein vor knapp 250 Jahren geführter Bürgerkrieg mit einer der Gegenwart zu tun hat, schwang in diesen Aussagen jene Naivität mit, die man US-Amerikanern gern nachsagt, der irritierend ehrlich gemeinte Standpunkt, eine Welt durch Waffeneinsatz verbessern zu können, oder, um im Bush-Sprech zu bleiben, dem Irak Demokratie zu bringen (eine doppelbödige Beschönigung, die etwa Eliot Weinberger, ein anderer US-amerikanischer Autor, gekonnt entlarvt). Viele fanden die Lesung gelungen, einige sahen sie als gewaltverherrlichend an, bar jeglicher neuer Sprachbilder, die die Kriegsliteratur (von der Klay, wie sein in der Kolik abgedruckter Essay nahelegt, durchaus Ahnung hat) bereichern könnten. Die Fragen, ob Redeployment unangenehmer Fakt oder ideologisch verbrämte Fiktion sei, ob sich darin nicht ein Einblick in das US-amerikanische Denken zeige, fremd, aber dennoch in einer eigenen Weise wahr, sorgten für ordentlich Gesprächsstoff, ein Umstand wiederum, der sehr fürs Festival als Diskussionsort spricht.

 


09. 10.

William T. Vollmann. Damn. Was für eine Überraschung im Festivalprogramm: Der US-amerikanische Autor von so großartig größenwahnsinnigen Werken wie Rising Up and Rising Down: Some Thoughts on Violence, Freedom and Urgent Means las erstmals in Wien. Es mag an William T. Vollmanns Romanen und Essays, an den Geschichten von Skinheads, Hobos, Pocahontas und Huren liegen, weshalb ich jemand anderen erwartet hätte. Nicht, dass ich mir je groß Gedanken über Vollmann als Privatperson gemacht hätte, doch während der Lesung ertappte ich mich bei der verwunderten Feststellung, keinem Haudegen mit Hang zur Selbstinszenierung, sondern eher einem Buddha im Sinne Liao Yiwus zuzuhören: ruhig, offen, ausgesprochen neugierig, dabei unauffällig und mit gehöriger Empathie für jede*n ausgestattet, der oder die nicht zur Mittelschicht gehört (eine Gesellschaftsklasse, die, wie Moderator Sebastian Fasthuber nach der Lesung anmerkte, in Vollmanns vielfältigen Werk kaum Beachtung findet), etwa, wie der Auszug aus Europe Central verdeutlichte, einem gealterten Nazi, der aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt in Gedanken den möglichen Endsieg durchspielt. Vollmann reist zu den Orten seiner Geschichten, er experimentiert, sucht die eigene Erfahrung und arbeitet sich exzessiv ins Recherchematerial ein – deutlich geworden an The Dying Grass, jüngst erschienener fünfter Band der auf sieben Teile konzipierten Reihe Sevem Dreams zur Konfliktgeschichte der Ureinwohner Nordamerikas und der weißen Siedler. Dieses exzessive Recherchieren sowohl in Archiven als auch (anthropologisch geschrieben) im Feld bedingt als Buchanhang umfassende Quellenangaben, verzichtet aber nicht auf erzählerische Freiheiten, um etwa in Europe Central Shostakowitschs Kompositionen verschiedenste Inspirationen anzudichten oder aber Legenden zu korrigieren und in The Dying Grass den Häuptling der Nez Perce Chief Joseph vom Nimbus des „rothäutigen Napoleons" und Kriegsgenies loszulösen. Vollmann verkleidet sich als Frau, um einem Text über eine Lesbe mit Details übers Auftragen von Maskara zusätzliche Glaubwürdigkeit zu verleihen. Er verfügt über keinen Internetzugang, einerseits, weil das FBI ihn, bzw. seine Korrespondenz seit Jahren überwacht, ihn einst sogar als UNA-Bomber verdächtigte, und andrerseits, weil er dem Internet als Wissensmedium auch abgesehen von der inhärenten Überwachung nicht traut: Wikipedia etwa werde laufend als einem gegenwärtigen Wissen adaptiert, das ob dieser Aktualisierung aber als Zeugnis der Vergangenheit nichts mehr taugt, da die historische Meinung verlorengeht und eine Rekonstruierung einstiger Sichtweisen nicht mehr möglich ist. Diese Unberührtheit von medialen Assotiationsklimbim mag auch eine der vielen Besonderheiten von Vollmann's Texten bewirken, die zum Sprechen gebrachte Landschaft nämlich, das Einfühlen, Horchen in die Welt, die in The Dying Grass einen besonderen, poetischen Ton erhält:

Soon we shall be riding through the golden grass, across the river and over the gilded morning-horizon to the snow-rimmed amethyst mountains

where we shall be far away from Bostons forever:

the Buffalo Country.

Looking Glass,

he who has given away so many horses,

promises us every good thing within his heart.

Our home is floating, floating down.

 

08. 10.

Mit einem dichten Programm wartete der Festivals-Donnerstag auf. Moderiert von Rubina Möhring trafen Lukas Bärfuss, Paula Bulling, Rainer Merkel und Fritz Orter in einer Diskussionsrunde zum Krieg als literarisch und journalistisches Themenfeld aufeinander. Dicht folgten Ansichten, Meinungen und Erkenntnisse; das Streitpotential hatte unterm Zeitdruck zu leiden, doch kitzelte das Kreuz und Quer der verschiedenen Standpunkte einer Comiczeichnerin (Bulling), eines (Kriegs-) Journalisten (Orter) und zweier Autoren (Bärfuss und Merkel) die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Schriftsteller*innen und Journalist*innen hervor. Schnell wurde deutlich, wie sich sowohl Journalismus als auch die der Recherche verpflichtende Literatur durch die technischen Möglichkeiten der Gegenwart wie Social Media und Smartphones verändern, da die Berichterstattung in bis vor kurzem ungeahntem Ausmaß dirket und ungefiltert erfolgt.

Krieg ist Zivilisationsbruch und Zivilisationsschub in einem, gestand Orter sich im Eröffnungsstatement Zynismus zu (wie sehr Kriege die hiesige Gesellschaft auch unterschwellig prägen wurde mir an diesem Abend anhand einer Gruppe von Jugendlichen deutlich, die mir auf dem Weg ins Literaturhaus in der U3 begegnet waren, sechs, sieben Teenager, die in kosovo-albanische Insignien und UÇK-Fahnen gehüllt in der selben Station wie ich ausstiegen und dort, von zwei Mädchen angefeuert, die ihnen mit ihren filmbereiten Smartphones folgten, Schlachtgesänge und kosovarische Volkslieder anstimmten, trommelnd und schreiend die Rolltreppe hoch zur Mariahilfer Straße nahmen), Rainer Merkel hielt fest, dass Berichterstatter insbesondere vor Ort im Kriegsgebiet nicht viel zu sehen bekommen, da man von Milizanführer nur eine beschränkte Sicht zugestanden erhält, und wie zweischneidig die an die „Berichterstattung vor Ort“ gestellten Erwartungen von Wahrheitsgehalt in der Realität nicht sind. (Vor Ort, so Merkel, ist eine aus dem Bergbau stammende Redewendung, die das Ende des Stollens bezeichnet, also jene Stelle, wo es am Finstersten ist und es am Wenigsten zu sehen gibt.) Ähnliches wusste Bulling zu berichten, die an der serbisch-kroatischen Grenze die jüngste Flüchtlingsmisere beobachtete, dabei aber keine Erfahrungen oder Einsichten erlangen konnte, die nicht auch durch die Medien zu gewinnen wären. Der Unterschied zwischen Journalist*innen und Literat*innen mag als Resümee darin liegen, dass den Journalisten im Gegensatz zu Autor*innen oft keine Zeit für eingehende Recherchen bleiben. Früher, so Orter, wurden Journalisten von allen Seiten manipuliert – Stichwort embedded Journalism - heute sind sie für Kriegsparteien nahezu entbehrlich, da die Meinungshoheit dank Social Media in den eigenen Händen liegt – Stichwort IS und dessen Twitter-Kampagne. Lukas Bärfuss gab Einblicke ins Entstehen seines Romans Hundert Tage und wie es ihm dabei darum ging, etwas aufzuspüren, festzuhalten und auszudrücken, das nicht in Zeugenaussagen oder Archiven zu finden ist, nämlich Leerstellen, die dank Literatur eine Sprache finden, und er hob den Umstand hervor, dass etwa ein so unvorstellbares Verbrechen wie der ruandische Genozid dank gesellschaftlichen Umständen und Propagandamechanismen möglich wurde, die auch in europäischen Ländern zu finden sind.

Anschließend war Liao Yiwu zu erleben, eine Lesung, der im bisherigen, an Höhepunkten nicht armen Festivalverlauf eine Sonderstellung zugesprochen werden kann. Der zu Beginn seines Schaffens staatlich geduldeter Autor Liao war nach einem Gedicht zum Massaker am Tian'anmen Platz 1989 für vier Jahre eingesperrt worden und schlug sich nach Verbüßung der Haftstrafe sozial geächtet als Straßenmusiker durch. Auf chinesisch trug er ein neues Gedicht mit dem Titel Mein Gefängnis, mein Tempel vor und begleitete sich selbst auf einer Daumenzither, was dem sich rasant steigernden Vortrag eine luzide Grundierung verlieh. „Für einen Mönch ist ein Wärter ein anderer Buddha“ hieß es an einer Stelle der deutschen Übersetzung. Zum Abschluss gab Liao eine Kostprobe seines musikalischen Könnens und spielte auf der Bambusflöte; zuvor beschrieb er, wie die tendenzielle Melancholie dieses Musikinstruments ihn zu jenen Geschichten und Interviews verhalf, die die Grundlage seiner Bücher bilden und die Unterschicht der chinesischen Gesellschaft zu Wort kommen lässt: Er bot das erste Lied gratis an, von den traurigen Melodien erweicht wurden die Kunden redselig gestimmt und bemerkten nicht, dass Liao das Aufnahmegerät in seiner Jackentasche einschaltete und ihre Geschichten und Geständnisse dokumentierte. Derartige Zeugnisse verrotten nicht wie die Leichen im Boden, sagte er, und bezeichnete China als 100%ige Diktatur, die einem 100%igen Kapitalismus frönt. Ich selbst war im September letzten Jahres in China, zum zweiten Mal nach 2006, und war erstaunt, wie sehr sich das Land innerhalb von acht Jahren verändert hatte. In jeder Großstadte, derer es in China wenig überraschend unzählige gibt, ragten riesige Einkaufszentren auf, die wie monströs mutierte taoistische Tempel gestaltet waren und deren Decke aus überdimensionalen LCD-Bildschirmen bestanden, die blauen Himmel und verwehte Blütenblätter zeigten. Shops von Vuitton oder Lamborghini schufen eine Fiktion, die die andere Seite Chinas überlagert, jene der Repression, wie sie Liao Yuwei kennengelernt hat und gegen die er anschreibt. Das glorifizierte, alte China überlebt als Sehnsuchtsort beispielsweise in der Kalligraphie, die als Legitimation für vieles herhalten muss: In Changsha, der Hauptstadt der Provinz Hunan, erzählt mir eine junge Chinesin, dass der in dieser Stadt groß gewordene Mao Zedong laut Schulunterricht zu 80 Prozent richtige Entscheidungen getroffen habe und das Volk für sich gewinnen konnte, weil er in Dichtung und Kalligraphie bewandert war, eine Kunstsinnigkeit, die er seinem Rivalen Chiang Kai-Shek voraus hatte. In Xi'an, Metropole der chinesischen Provinz Shaanxi und eine 17-stündige Zugfahrt von Changsha entfernt, stieß ich in deren von Shoppingmalls und Hotels überragten Altstadt auf einen tatsächlichen taoistischen Tempel. Der Altarraum des Hauptgebäudes war von vier meterhohen Statuen flankiert, mit erhobenen Schwertern und Lanzen, zum Angriff bereit: Krieger des alten Chinas, die, im Heiligenkanon angelangt, mit verzerrten Gesichtern, geweiteten Augen erschreckend real wirkten, gnadenlos und kaltblütig, verrückt und blutrünstig; nicht verwunderlich, dachte ich mir, dass die Taoisten den Kriegsherren und Brandschatzern der Vergangenheit die Form von Göttern gaben, um der Gewalt, die ein Mensch auszuüben imstande ist, beizukommen, sie zu bannen.

 

06. 10.

Erstmals seit Mitte der 1990er Jahre gastierte das Festival wieder im Akademie-Theater. Vor vollen Rängen war zur offiziellen Eröffnung Literaturnobelpreisträger V. S. Naipaul zu erleben, der, moderiert von Hans Jürgen Balmes und flankiert von Christoph Ransmayr, unterm Motto „The Writer and the World“ zum Wechselspiel von Fakten und Fiktion befragt wurde. In Trinidad-Tobago als Kind indischer Einwanderer aufgewachsen, kam Naipaul erst im Alter von Dreissig ins Herkunftsland der Großeltern, eine Reise, die in An Area of Darkness mündete - ein Essay, der die Leser*innen am Subkontinent mit Schilderungen einer von Doppelmoral, Armut und Aberglaube geprägten Gesellschaft verstörte. Farrukh Dhondy, Naipauls Vertrauter und ihm auf der Theaterbühne als Übersetzer assistierend, erzählte, bei Erscheinen des Buches in Pune studiert und sich den Kommilitonen gegenüber nicht getraut zu haben, zuzugeben, dass er den Text richtig gut und vor allem treffend fand. (Darin mag die Besonderheit dieses Autors liegen: sein nicht unumstrittener Blick von Außen, dem in der Beschreibung fremder Kulturen Passagen erstaunlicher Treffsicherheit gelingen. Naipauls karibischen Reisessay The Middle Passage habe ich zwar nicht gelesen, bin jedoch in A brief History of Seven Killings darauf gestoßen, einen für den diesjährigen Man Booker Prize nominierten Roman des Jamaikaners Marlon James, der darin das Attentat auf Bob Marley verhandelt (und, diese Anmerkung sei erlaubt, meiner Meinung nach eines der besten Bücher seit langem abliefert) und Kingstons Gang- und Gewaltkultur von den 1970ern bis in die 1990ern nachzeichnet. In den Monologen der Gangster, Rudeboys und Badmans fällt auch der Name Naipaul, umgibt diesen doch der Nimbus, als einziger Fremder Flair und Schrecken Kingstons glaubhaft eingefangen zu haben und sich für diese literarische Leistung, besagt die Legende, nur einen Tag in der Stadt aufhielt.)

Christoph Ransmayr erwies sich als idealer Gesprächspartner, der die stockenden Aussagen des gesundheitlich angeschlagenen Naipauls leidenschaftlich ins Poetische drehte. Zu Beginn bat Ransmayer, sich auf die Rolle des Zuhörers und Lesers beschränken zu dürfen, um den Abend ganz dem Ehrengast zu überlassen, ließ in weiterer Folge jedoch mit persönlichen Ansichten zu Naipauls Werk und dem Schreiben generell aufhorchen, die ihm verdienten Zwischenapplaus einbrachten. Wurden die SPÖ-Eröffnungsredner Andreas Mailath-Pokorny und Josef Ostermayer nicht müde, die Bedeutung Wiens und Österreichs in der aktuellen Fluchtkrise zu betonen, um den jetzigen Wahlkampf ebenso zu bedenken wie die Rolle der Reportage als Werkzeug der Dokumentation aktueller Umwälzungen, wies Ransmayer auf die der Literatur innewohnende Dauer hin, die ein Text, eine Erzählung braucht, um reif für die Aussprache zu werden. Es dauert lang, so Ransmayr, bis jemand wirklich sagen kann: Es war einmal. (Dies auch als Widerspruch zu meinem ersten Post, in dem ich die Ähnlichkeit zwischen Fotografie und Literatur hervorhob, ohne diesen fundamentalen zeizlichen Unterschied mitzudenken, den die zwei Medien in ihrer Ausdrucksform trennt.) Aufs Festival-Thema Facts and Fiction angesprochen, betonte Ransmayer, dass auch die Reportage nicht vor Fiktionalität gefeit ist, da schon der Akt, etwas so großes, mystisches und unfassbares wie Wüste oder Gebirge in Worte zu fassen, es als „Wüste“ oder „Gebirge“, „Sahara“ oder „Himalaya“ zu bezeichnen, eine Illusion oder zumindest ein höchst individueller Zugang sei, der durch das Schreiben einen rätselhaften Teil der Welt in etwas verwandelt, das der schreibende Mensch im Herzen und im Kopf trägt. Ransmayer erzählte, wie während seiner Lektüre von Naipauls A Bend in the River die Beschreibung einer nächtlichen Bootsfahrt den namenlosen Fluss des Romans in seiner Vorstellung in die reale Traun transformierte, in die unheimliche Nacht am Traunufer, wie Ransmayr sie persönlich kennt, wodurch aus Naipauls erdachtem Szenario ein privater Fakt wurde. (Was nicht nur ein Merkmal guter Literatur ist, sondern auch eine Erklärung für den Erfolg von Karl Ove Knausgards Alltagsepos sein mag, in dem sich momentan von Helsinki bis Los Angeles beinah das gesamte Bildungsbürgertum zu erkennen scheint.) Nach der Pause lasen zwei Schauspieler aus den deutschen Übersetzungen von A Bend in the River und A House for Mr. Biswas, eine Schauspielerin trug eine auf der chinesischen Mauer spielende Episode aus Ransmayers Atlas eines ängstlichen Mannes vor. Und während vom Kongo, von Indien und China erzählt wurde, lösten die vorgetragenen Fiktionalitäten einen persönlichen Kopffilm aus, der um Amritsar kreiste, der Hauptstadt des Punjabs, wohin es mich im April 2010 verschlagen hatte; ich dachte an die buntbemalten, Militärmärsche hupenden Trucks, die feuchtglänzenden, schwarzen Büffel am Straßenrand und wie die Vororte sich bündeln zum von Autorikschas verstopften, lärmenden Zentrum, wo im Innern eines aus weißen Marmor gemeißelten Rechtecks aus Gebäuden, Türmen und Promenaden ein blitzsauber ins Steinbecken geflößter, mit Schwimmverbot belegter See liegt, in dessen Mitte wiederum, einzig über einen Steg von der südlichen Seite aus zu erreichen, das Heiligtum der Sikhs aufragt: Der Goldene Tempel. Aus sämtlichen Weltecken, wohin auch immer siedie Emigration geführt hatte, reisten die Gläubigen an, paradierten über die Hauptstraße, vorbei an sündteuren Coffee-Shops und Pizzerias; Souvenirshops finden sich selbst innerhalb der Eingangstore und manche Pilger verbeugten sich bereits hier, lagen wie in Anbetung der Kaufkraft bäuchlings auf den Boden, abertausend Menschen verbrachten bei freier Kost Tage und Wochen und Monate im Tempel, rasteten in kleinen Parks und unter Torbögen am Wasser, hatten Jahreslöhne als freiwillige Spende abgespart im Gepäck, klapperten stündlich die Kammern der Priester und allabendlich die Zeremonie ab, wenn das heilige, goldene Buch aus dem Tempel getragen und am nächsten Morgen unter Fanfaren wieder hinein begleitet wurde. Dreimal täglich liefen Freiwillige im Essenssaal durch die Reihen der am Boden sitzenden Menschen, schöpften aus Eimern Linsen und Reis in die vor den Wartenden liegenden Aluminiumtableaus, und ich erinnerte mich an die in dunkles Blau gewandeten Wächter, die den Anstand verteidigten, Händchenhalten und jede andere Art der Berührung verboten, fehlende Kopfbedeckung mit erhobenen Augenbrauen und Stöcken, mit lauten Stimmen und Rauswurf ahndeten. Unentwegt drangen aus den Lautsprechern die Gesänge der Priester in Schlaf oder Andacht, der ununterbrochen vorgetragene Text des Buches Guru Granth Sahib, verfasst in Gurmukhi, einer eigens hierfür entwickelten Sprache, und ich erinnerte mich besonders an den Weg durchs westliche Tor, vorbei an der Gemeinschaftsküche, an deren Hintereingang jeden Morgen die gespendeten Tonnen von Gemüse und Reis abgeladen wurden und sich der Priestersingsang mit den klappernden Geräuschen des Abwasches mischte, da unzählige Aluminiumtableaus ins Spülwasser der Bottiche getaucht zu einem trommelnden, hypnotischen Rhythmus fanden.

 

05.10.

Sea Change. A photo documentary about young Europeans so der Titel jenes Bandes, der den Rahmen abgab für die inoffizielle Eröffnung der diesjährigen Erich-Fried-Tage. Der britische Fotograf und Sea Change-Strippenzieher Jocelyn Bain Hogg bot Einblicke in ein Unterfangen, das eine Keimzelle des Reportage-Handwerks in den Mittelpunkt rückte: den Blick, der tief genug dringt, um aus der gesellschaftlichen Gegenwart die Besonderheiten, Geschichten und Widersprüche zu lesen. Hierfür wählte Bain Hogg zwölf Fotograf*innen aus, die Jugendliche in Norwegen, Spanien, Deutschland, Rumänien, Griechenland, Großbritannien, Lettland, Portugal, Irland, Tschechien, Island, Polen und Malta porträtierten, ihre Szenen und Lebensweisen festhielten. Der Titel Sea Change ist Programm: der Übergang von Jugendlichen zum Erwachsenen wird als Gezeitenwechsel verbildlicht, der mit dem Einzelnen auch die sozialpolitischen Strömungen und Veränderungen der EU dokumentiert.

Fotografie, konstantierte Bain Hogg in seinem Vortrag, bedeutet, Fragen zu stellen. Der Betrachter soll irritiert, verwundert, neugierig werden, Antworten suchen auf die provozierten Fragen. (Wie leicht das im Betrachter losgetretene Weiterspinnen ohne die den Fotografien beigefügten Hintergrunderklärungen auf die falsche Fährte gelangt, machen etwa Donald Webers Porträts rumänischer Jugendlicher deutlich: Ein junger Mann kauert auf einem Fahrrad, ein anderer sitzt in einem abgedunkelten Zimmer vor einen grellen PC-Monitor; scheinbar Belege eines tristen Alltags, die in Wahrheit einen ehrgeizigen BMX-Profi und einen der weltweit erfolgreichsten Fifa-Online-Gamer zeigen.) Bain Hoggs Ausführungen lassen erahnen, wie vielfältig die Berührungspunkte zwischen Fotografie und Literatur sind; ob geknippst oder niedergeschrieben bleibt für Fotograf wie Autor die Herausforderung, sich ins Fremde zu wagen, bleibt die Schwierigkeit, das Altbekannte, Heimische unvoreingenommen betrachten zu können. Das wichtigste, betonte Bain Hoegg, ist Empathie für den Abgebildeten, um einen Zugang zu finden, der aufrüttelt und Neues entdeckt und die Geschichten bewahrt, die Europas Jugend im Verborgenen erzählt. Und so verschieden die Porträtierten und ihre Umgebungen sind, belegen die Fotos dennoch eine länderüberschreitende Gemeinsamkeit: ob im lettischen Schnee, auf einem Fischerboot vor der Küste Islands oder in den Countryclubs von Essex, überall werden die Krisenmeldungen und Zukunftsängste weggetanzt, wird Party gemacht und Ausschweifung gelebt oder erhofft, egal wie beschränkt die Möglichkeiten sind. Die Fotografien zeigen da wie dort junge Menschen, die warten, rumgammeln und vom Glauben getrieben werden, dass das große Abenteuer irgendwann von selbst auftaucht. Zugleich wohnt ihnen ein latentes Verlangen inne, Aufbruch und Aufbegehren, die gelebte Flucht in Cos-Play und Zirkuswelten, wie auch die Flucht nach vorn in die Reihen der Riot-Police während der Proteste in Athen.

http://www.projectseachange.com/